Der Gassigang – sooo gut für Mensch und Hund

„Wollen wir los? Gassi?“ Wenn ich das frage und dabei schon das Halsband oder Geschirr in der Hand halte, ticken meine Hunde aus.

„Wir gehen Gassi.“ Ein Satz, der im Alltag ganz selbstverständlich klingt. Zweimal oder dreimal am Tag wird die Leine genommen, der Hund darf seine Geschäfte erledigen und anschließend geht es wieder nach Hause. Doch ein Spaziergang kann sehr viel mehr sein als eine notwendige Unterbrechung des Tagesablaufs.

Denn Gassi gehen bedeutet Bewegung, Beschäftigung, Umweltreize, gemeinsame Zeit und Erholung. Und das gilt nicht nur für den Hund. Auch wir Menschen profitieren auf vielfältige Weise davon, regelmäßig mit unserem Vierbeiner unterwegs zu sein. Ein guter Spaziergang ist deshalb im Grunde eine kleine Gesundheitskur für zwei.

 

Gassi gehen hält Hund und Mensch in Bewegung

Tierheilpraktikerin Annette Dragun mit 2 Hunden am Wattenmeer
Abwechslung tut gut. Ab und zu eine andere Umgebung ist für die Hunde ein Highlight. Auch für mich.

An manchen Tagen hadere ich mit meiner Hundehaltung. Es ist nasskalt und stürmisch – wer will da raus? „Da schickt man doch keinen Hund vor die Tür“, denke ich dann. Aber die wollen (und müssen) trotzdem raus. Und wenn wir dann unterwegs sind, dann tut es einfach gut.

Regelmäßige Bewegung ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für körperliche Gesundheit. Beim Hund unterstützt sie den Erhalt von Muskulatur, Beweglichkeit und Koordination und trägt dazu bei, ein gesundes Körpergewicht zu halten. Auch Herz und Kreislauf profitieren von regelmäßiger, angemessener Aktivität.

Dabei muss ein Spaziergang keineswegs zum sportlichen Großereignis werden. Gerade für ältere Hunde oder Tiere mit körperlichen Einschränkungen ist eine individuell angepasste Bewegung oft sinnvoller als möglichst lange oder schnelle Runden. Auch beim Menschen muss es nicht immer die sportliche Höchstleistung sein. Ein zügiger Spaziergang bringt den Kreislauf in Schwung, aktiviert die Muskulatur und sorgt dafür, dass wir uns überhaupt regelmäßig bewegen. Und wenn Nicht-Hunde-Halter Mitleid mit mir empfinden, die ich dick eingepackt und mit feuchter Nase Sturm und Regen trotze, dann tun mir die Hundeabstinenzler leid, denen Frischluft und Vitamin D fehlt, weil sie gar nicht auf die Idee kommen an einem grauen Tag vor die Tür zu gehen. Was sie aber auch verpassen, sind die faszinierenden Veränderungen der Natur in den Jahreszeiten. Sind kleine Beobachtungen von Knospen, ersten Frühlingsblumen, buntem Herbstlaub, hüpfenden Eichhörnchen oder glitzerndem Raureif nicht wunderbare kleine Geschenke, die uns die Natur ganz nebenbei macht? Wer regelmäßig mit seinem Hund unterwegs ist, erlebt den Wechsel der Jahreszeiten nicht nur im Kalender, sondern mit allen Sinnen.

Hund balanciert auf Baumstamm
Kleine Balanceübungen kann man ebenso in den Gassigang einbauen wie Suchspiele

Gassi ist mehr als Laufen: Die Nase arbeitet mit

Für einen Hund besteht ein Spaziergang nicht nur aus zurückgelegten Kilometern. Während wir häufig vor allem wahrnehmen, was wir sehen, sammelt der Hund einen großen Teil seiner Informationen über seine Nase.

Jeder Baum, jeder Grashalm und jeder Laternenpfahl kann für ihn interessante Nachrichten bereithalten. Wer war hier? Welche Tiere waren unterwegs? Was hat sich seit dem letzten Spaziergang verändert?

Schnüffeln ist deshalb keine Zeitverschwendung und schon gar kein „Trödeln“. Es ist eine Form der mentalen Beschäftigung. Der Hund erkundet seine Umwelt, verarbeitet Informationen und kann dabei seine natürlichen Verhaltensweisen ausleben.

Deshalb darf ein guter Spaziergang auch einmal langsam sein. Wenn der Hund ausgiebig schnüffelt, muss das nicht bedeuten, dass er „schlecht erzogen“ ist oder wir zu langsam unterwegs sind. Für ihn kann genau dieses Schnüffeln der interessanteste Teil der gesamten Runde sein. Und gerade für meine beiden Grauschnauzen ist es enorm wichtig, alle Sinne im Training zu halten, also auch den Geruchssinn.

Gassi und Stressabbau – für beide Seiten

Hund sitzt auf Polder
„Sitz und bleib“ auf einem Polder – so lernt Smilla beim Gassi Kopf und Körper zu beherrschen

Bewegung und Aufenthalt in der Natur können helfen, Stress abzubauen und Abstand vom Alltag zu gewinnen. Das gilt auch für unsere Hunde. Ein ruhiger Spaziergang mit ausreichend Zeit zum Erkunden und Schnüffeln kann eine willkommene Möglichkeit sein, Umweltreize zu verarbeiten und zur Ruhe zu kommen.

Allerdings ist mehr Beschäftigung nicht automatisch besser. Gerade bei sehr aktiven oder schnell erregbaren Hunden besteht die Gefahr, dass ständig neue Reize und Action den Erregungspegel eher weiter erhöhen. Ein Spaziergang mit Ballwerfen, Rennen, Hundekontakten und ständig neuen Aufgaben kann für einen solchen Hund deutlich anstrengender sein als eine ruhige Schnüffelrunde.

Die Qualität eines Spaziergangs lässt sich deshalb nicht daran messen, wie viele Kilometer wir geschafft haben. Manchmal ist weniger tatsächlich mehr. Andererseits eignen sich Spaziergänge mit Nachwuchsstar Smilla hervorragend, um zwischendurch kleine Übungen einzubauen. Sitz und bleib, bei Fuß, auf Mäuerchen balancieren, Leckerli suchen… das bringt Abwechslung ohne Aufregungs-Push und fördert die Bindung.

Gassi gehen stärkt die Beziehung

Spaziergänge sind außerdem gemeinsame Zeit. Und gemeinsame Zeit ist wichtig für die Bindung zwischen Mensch und Hund. Wer seinen Hund während des Spaziergangs aufmerksam beobachtet, lernt viel über ihn. Wann fühlt er sich wohl? Welche Situationen verunsichern ihn? Wann braucht er Abstand? Wann ist er neugierig? Wie verändert sich seine Körpersprache?

Auch der Hund bekommt die Möglichkeit, seinen Menschen in unterschiedlichen Situationen zu erleben. Gemeinsame Erfahrungen, Orientierung und gegenseitige Kommunikation schaffen Vertrauen.

Deshalb lohnt es sich, den Spaziergang nicht ausschließlich als „Hundeprogramm“ zu betrachten. Es ist eine Zeit, die Mensch und Hund miteinander verbringen. Und manchmal ist genau das der wertvollste Teil daran.

Tierheilpraktikerin Annette Dragun mit Hund Bodo am Stand
Im Urlaub ein Muss: Strandspaziergang mit Hund Bodo

Gassi ohne Handy: Warum das eine gute Idee ist

Es schockt mich manchmal, wie viele Menschen beim Radfahren oder auf dem Elektroroller aufs Handy starren. Oder eben während der Gassirunde mit dem Hund. Natürlich kann es sinnvoll sein, erreichbar zu sein oder im Notfall telefonieren zu können. Aber muss während der gesamten Runde wirklich der Blick auf das Display gerichtet sein?

Wer beim Spazierengehen Nachrichten beantwortet, soziale Medien anschaut oder ständig telefoniert, ist körperlich zwar unterwegs, geistig aber häufig ganz woanders. Dadurch entgeht uns nicht nur die Umgebung. Wir nehmen auch unseren Hund weniger bewusst wahr. Dabei gibt es gerade beim Spaziergang viel zu beobachten. Wie bewegt er sich? Läuft er heute anders als sonst? Schnüffelt er besonders intensiv? Wirkt er müde, angespannt oder ungewöhnlich unruhig? Kleine Veränderungen können Hinweise darauf geben, dass sich etwas verändert hat.

Und auch wir selbst profitieren von einer digitalen Pause. Ein Spaziergang kann eine der wenigen Gelegenheiten im Alltag sein, in denen wir nicht gleichzeitig auf Nachrichten, Termine und Benachrichtigungen reagieren müssen.

Das Smartphone darf also ruhig einmal Pause machen. Lass deinen Blick in die Ferne schweifen, nimm Umgebungsgeräusche bewusst wahr. Atme die frische Luft tief ein. Und fühle deinen Hund. Mach aus der Gassirunde Qualitytime für Zwei- und Vierbeiner.

Gassi darf abwechslungsreich sein

Es muss nicht jeden Tag die exakt gleiche Runde sein. Abwechslung kann für Hund und Mensch interessant sein. Mal geht es durch den Wald, mal über Feldwege, mal durch den Ort oder eine andere vertraute Umgebung. Das muss nicht bedeuten, jeden Spaziergang möglichst aufregend zu gestalten. Auch eine bekannte Strecke kann spannend werden, wenn man sie einmal in einem anderen Tempo geht oder dem Hund mehr Zeit zum Schnüffeln lässt.

Besonders schön ist es, gelegentlich bewusst langsam zu gehen und den Hund seine Umgebung erkunden zu lassen. An einem anderen Tag darf die Runde vielleicht etwas flotter ausfallen. Entscheidend ist, dass Bewegung und Beschäftigung zum jeweiligen Hund passen.

3 Hunde im Auto
So oft es passt, nehme ich die Hunde mit, damit wir in einer anderen Umgebung laufen können

Gassi ist nicht für jeden Hund gleich

Wie viel Bewegung ein Hund braucht, lässt sich nicht pauschal beantworten. Alter, Gesundheitszustand, Kondition, Körpergewicht und individuelle Persönlichkeit spielen ebenso eine Rolle wie Rasse und Lebensumstände. Ein junger, gesunder Hund hat andere Bedürfnisse als ein älterer Vierbeiner mit Arthrose. Ein sportlicher Hund benötigt andere Bewegungsreize als ein gemütlicher Begleiter. Und ein Hund, der schnell überreizt, profitiert möglicherweise mehr von ruhigen und vorhersehbaren Spaziergängen als von möglichst viel Action.

Auch die Witterung sollte berücksichtigt werden. Bei großer Hitze kann eine lange Runde zur Belastung werden, während kühlere Morgen- oder Abendstunden wesentlich angenehmer sind.

Die Frage sollte deshalb nicht lauten: „Wie lange muss mein Hund Gassi gehen?“ Viel sinnvoller ist die Frage: Welche Art von Bewegung und Beschäftigung tut meinem Hund gut?

Gassi gehen ist Gesundheitsvorsorge

Ein regelmäßiger Spaziergang kann also erstaunlich viel leisten. Er hält den Körper in Bewegung, beschäftigt den Hund geistig, ermöglicht natürliche Verhaltensweisen, kann Stress reduzieren und stärkt die Beziehung zwischen Mensch und Tier. Und auch für uns Menschen ist die tägliche Runde eine wertvolle Gesundheitsroutine. Wir bewegen uns, bekommen Tageslicht und frische Luft und verlassen für eine Weile Schreibtisch, Sofa oder Bildschirm.

Vielleicht sollten wir deshalb unseren Blick auf das Gassi gehen ein wenig verändern. Es geht nicht darum, möglichst schnell eine bestimmte Strecke abzuhaken. Es geht darum, gemeinsam unterwegs zu sein.

Also: Leine nehmen, Handy einstecken und losgehen. Den Hund schnüffeln lassen. Die Umgebung wahrnehmen. Ein paar tiefe Atemzüge nehmen. Und vielleicht feststellen, dass diese kleine Auszeit vom Alltag gerade für beide ziemlich gut tut.

Denn ein guter Spaziergang ist nicht nur Gassi. Er ist gemeinsame Zeit, Bewegung, Beschäftigung und Gesundheitsvorsorge – für Hund und Mensch.

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