Schilddrüsenunterfunktion beim Hund – echt jetzt?
Als im jährlichen Blutbefund meines Bodos ein zu niedriger T4-Wert auftauchte, war ich alarmiert. Sollte mein Terriermix etwa unter einer Schilddrüsenunterfunktion leiden? Ohne Symptome?

Die Hypothyreose ist eine der am häufigsten gestellten hormonellen Diagnosen beim Hund. Viele Halter kennen den Begriff Schilddrüsenunterfunktion (SDU) oder Hypothyreose. Manche beobachten scheinbar typische Symptome wie Gewichtszunahme oder Fellveränderungen. Untersuchungen aber belegen, dass die Erkrankung deutlich überdiagnostiziert ist.
Was bedeutet Hypothyreose?
Bei einer Schilddrüsenunterfunktion produziert die Schilddrüse zu wenig der Hormone Thyroxin (T4) und Triiodthyronin (T3). Diese Hormone steuern den Stoffwechsel. Sie tragen entscheidend zur Energieverwertung, zu Haut- und Fellgesundheit, Herzleistung, Fettstoffwechsel und vielen weiteren Prozessen bei. Ein Mangel wirkt sich deshalb auf die verschiedensten Körpersysteme aus. Nicht gut.
Wie häufig tritt die Hypothyreose beim Hund auf?
Klinische Studien zeigen, dass die Hypothyreose zu den häufigeren endokrinen (hormonellen) Erkrankungen beim Hund zählt. Dennoch ist das tatsächliche Vorkommen schwer zu bestimmen, denn: nicht alle diagnostizierten Fälle entsprechen tatsächlich einer echten Hypothyreose. Bis zu 70 Prozent der wegen einer vermeintlichen Schilddrüsenunterfunktion therapierten Hunde sind laut verschiedener Studien falsch diagnostiziert. Einer jüngeren Veröffentlichung entnehme ich, dass von den beobachteten Hunden mit Symptomen wie Fellproblemen oder Übergewicht nach Ausschluss anderer Ursachen nur etwa 14 % letztlich eine Hypothyreose hatten.

Welche Symptome zeigt ein Hund mit Hypothyreose?
Die Herausforderung bei der SDU ist, dass viele Symptome unspezifisch sind und auch bei anderen Erkrankungen vorkommen. Häufig genannten Beschwerden sind:
- Müdigkeit, reduzierte Leistungsbereitschaft
- Gewichtszunahme ohne Erhöhung der Futtermenge
- Fellprobleme wie Haarausfall, stumpfes Fell, trockene Haut
- Hyperpigmentierung der Haut
- Häufige Infektionen von Haut oder Ohren
- Kälteempfindlichkeit
- Verhaltensänderungen
Viele dieser Veränderungen kennen wir auch durch jede Menge anderer Krankheiten. Für eine Diagnose sind die Symptome allein in der Regel nicht ausreichend. Im Gegenteil – häufig locken sie den Praktiker auf die falsche Fährte.
Was ist die Ursache für eine Hypothyreose beim Hund?
In den meisten Fällen finden wir eine chronische Entzündung der Schilddrüse, durch die nach und nach das hormonproduzierende Gewebe abgebaut wird. Nach und nach führt das zur Insuffizienz des Organs. Deutlich seltener sind Tumoren in der Schilddrüse, ein Jodmangel oder eine Störung der Steuerungsorgane im Gehirn, also Hypothalamus und Hypophyse.
Was sagt das Blutbild aus bei der Hypothyreose beim Hund?
Fehldiagnosen entstehen vor allem, wenn für die Diagnostik keine ausreichenden Laborergebnisse abgefragt werden. Ich erlebe regelmäßig „Felle“, in denen nur aufgrund eines zu geringen T4-Spiegels im Blut die Hormon-Substitution verordnet wird. Das hätte auch bei Bodo passieren können.
In manchen Praxen wird zumindest auch der TSH-Wert ermittelt. Das Thyreoidea-stimulierende Hormon (TSH) kommt aus der Hypophyse und regt die Schilddrüse zur Hormonproduktion an. Bei Schilddrüsenhormonmangel wird es erhöht ausgeschüttet, so dass der TSH-Wert im Blut über dem normalen Level liegt. Ein normaler TSH-Spiegel schließt allerdings eine Hypothyreose nicht zwingend aus.
Um einer sicheren Diagnose zumindest nahe zu kommen, muss daher bei Verdacht ein komplettes Schilddrüsenprofil erstellt werden. Und manchmal hilft schon Nachdenken.

Etwa bei Bodo: T4 zu niedrig, der Hund aber agil wie eh und je, rank und schlank und ohne Anzeichen von irgendwelchen Haut- oder Verhaltensänderungen? Das machte eine SDU nicht sehr wahrscheinlich. Ich überlegte hin und her, was den T4-Wert beeinflussen könnte. Da konnte eine andere Erkrankung hinter stecken, aber auch Stress, die Ernährung (Stichwort Jod-Mangel) oder – ein Medikament! Und das war’s: Aufgrund seiner Mitralklappeninsuffizienz nimmt Bodo täglich Tabletten mit dem Wirkstoff Pimobendan ein. Und dieser kann tatsächlich den Hormonspiegel im Blut verfälschen. Chacka!
Leider wird in zu vielen Fällen aufgrund des scheinbaren T4-Mangels sofort zur Hormonsubstitution geraten, wenn gewisse Symptome dafürsprechen, so unspezifisch sie auch sind. Eine SDU muss aber immer eine Ausschlussdiagnose bleiben. Andere Ursachen für diese typischerweise sehr allgemeinen Krankheitszeichen sind auszuschließen. Sonst können andere Grunderkrankungen über lange Zeit unerkannt bleiben und schwere Folgen nach sich ziehen.
Wie wird die Hypothyreose beim Hund behandelt?
Bodo war also aus der Nummer raus. Was wäre aber gewesen, wenn er doch eine Hypothyreose hätte?
Die schulmedizinische Standardtherapie ist eine Substitution mit Levothyroxin. Man führt dem Körper also ein (synthetisches) Schilddrüsenhormon zu, wenn er selbst nicht genügend produziert. Das ist sehr wichtig, weil eine nicht behandelte Hypothyreose dazu führt, dass der Stoffwechsel im gesamten Körper dauerhaft verlangsamt wird. Da Schilddrüsenhormone für fast alle Organfunktionen essenziell sind, kann ein Mangel zu schweren, langfristigen körperlichen und psychischen Schäden führen.
Die Dosis muss individuell angepasst werden, was bedeutet: 4 bis 6 Wochen nach Beginn der Medikation werden die Hormonwerte kontrolliert. Bei gut eingestelltem Hormonspiegel sollten halbjährliche Kontrollen erfolgen. Die Prognose ist bei gut eingestellter Therapie sehr gut – oft bessern sich Müdigkeit, Hautprobleme und Stoffwechsel deutlich und der Hund kann ein ganz normales Leben führen.
Wichtig: Eine Therapie sollte nicht ungeprüft, also nicht grundlos erfolgen, da unnötige Hormonsubstitution langfristige Effekte auf andere Organsysteme haben kann.

Was kann die Naturheilkunde bei der Hypothyreose?
Bei einer frühen Diagnose einer leichten SDU können verschiedene Ansätze aus der Alternativen Medizin den Zustand stabilisieren. Ich arbeite mit Organotherapie, Homöopathie, Vitalpilzen und Phytotherapie. Ist aber zu viel vom Schilddrüsengewebe zerstört, können wir mit diesen Mitteln die Funktion nicht erhöhen. Dann ist die ergänzende Zufuhr von Hormonen lebensnotwendig.
Fazit: Die Schilddrüsenunterfunktion (SDU) ist eine Erkrankung, die vor allem bei älteren Hunden nicht ganz selten ist. Die Herausforderung liegt weniger in ihrer Existenz als vielmehr in der korrekten Diagnostik. Viele falsch positive Diagnosen entstehen, weil Blutwerte isoliert betrachtet werden, ohne klinischen Kontext oder weitere Tests.
Zusammenfassung Hypothyreose beim Hund:
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- Schilddrüsenunterfunktionen gehören bei Hunden zu den häufigsten hormonellen Erkrankungen.
- Viele Diagnosen der SDU sind aber falsch. Ursache: Oberflächliche Diagnostik.
- Ein erniedrigter T4-Wert im Blut kann auf Hypothyreose hindeuten, muss aber nicht.
- Viele andere Erkrankungen, Ernährungsfehler, Stress oder Medikamente können den T4-Wert beeinflussen.
- Eine Hormonsubstitution darf nur nach sicherer Diagnose erfolgen. Ein einzelner Blutparameter reicht nicht aus.
- Eine unbehandelte Hypothyreose kann Folgeerkrankungen verursachen.
Quellen
Hypothyreose beim Hund – Diagnostische Schärfe durch moderne Testverfahren. (LABOKLIN Bad Kissingen)
Incidence, complications and therapeutic evaluation… – Fallzahlen, Symptome und Therapieeffekte über verschiedene Rassen. (Springer Nature)
AAHA: Canine Hypothyroidism Categorical Approach to Diagnosis Based on Clinical Presentation (AAHA) https://www.aaha.org/resources/2023-aaha-selected-endocrinopathies-of-dogs-and-cats-guidelines/categorical-approach-to-diagnosis-based-on-clinical-presentation/?
Diagnosis of canine hypothyroidism (Vet Clin North Am Small Anim Pract) – diskutiert Grenzen und Möglichkeiten gängiger Tests. (pubmed.ncbi.nlm.nih.gov)
